Geschichte

Der Musikverein Nellingsheim 1922 – 2012

Mit den folgenden Zeilen soll versucht werden, ein Bild des Musikvereins Nellingsheim zu zeichnen, wie er sich heute als Ergebnis einer 90-Jährigen Geschichte und Entwicklung darstellt. Zur Quellenlage ist zu bemerken, dass die vorhandenen Schriftführerprotokolle erst mit dem Jahr 1959 einsetzen und dass somit die Ereignisse der letzten 54 Jahren gut und ausführlich belegt sind. Für die Zeit von 1922 bis 1958 ist man auf mündliche Aussagen der Beteiligten angewiesen; einige Informationen können noch aus Fotos, Rechnungsbelegen und Kassenbüchern gewonnen werden.

I. Von der Gründung 1922 bis zum Zweiten Weltkrieg

Der Anstoß zur Gründung eines Musikvereins in Nellingsheim dürfte im Wesentlichen von Christian Frank (*1901 – †1951) ausgegangen sein, der als Feuerwehrhornist schon eine „bläserische Aufgabe“ zu erfüllen hatte. Für die allgemein musikalische Grundlegung konnte in der Gründungsphase Christian Beilharz (*1904 – †1997) mit seinen im Klavierunterricht erworbenen Notenkenntnissen wertvolle Hilfe leisten. Seit der ersten Zeit waren die Beziehungen zum gleichzeitig entstandenen Musikverein Obernau sehr eng, zunächst durch gemeinsames Üben und Proben, dann durch die gemeinsamen Dirigenten, den noch schulpflichtigen Karl Bengel (*1911 – †1971), den späteren Leiter der Stadtkapelle Rottenburg. Von ihm wird heute noch erzählt, dass ihm die Musik in Nellingsheim gelegentlich wichtiger war als die Schule, und dass er notfalls auch in einer Scheuer übernachtete. Jedenfalls dürfte es zum guten Teil sein Verdienst gewesen sein, dass die Nellingsheimer bald an die Öffentlichkeit treten konnten, unter anderem mit einem Turmblasen an der Konfirmation 1924 und ganz besonders mit einer erfolgreichen Teilnahme an einem Wertungsspiel im Mai 1925 in Vollmaringen, wo natürlich der „kurz behoste“ 14-Jährige Dirigent riesigen Eindruck machte. Für die folgenden Jahre konnten nicht viele einzelne Ereignisse exakt ermittelt werden. Doch das Gesamtbild des damaligen Vereins hat deutliche Konturen: Man war Mitglied im Volksmusikverband und bezahlte (recht erhebliche) Beiträge. Damit sind wir bei einem Hauptproblem, der überaus mühsamen Finanzierung der Vereinsausgaben. Die Aktiven mussten selber einen beträchtlichen finanziellen Beitrag für die Beschaffung der Instrumente leisten. Auch wurde von Haus zu Haus gesammelt. Einzige beständige Einnahmequelle war die Tanz- und Unterhaltungsmusik bei Hochzeiten, auch außerhalb von Nellingsheim, und besonderen Tanzveranstaltungen, etwa 1. Mai, Sichelhenke oder Kirbe. Doch dürfte der Verkauf von „Tanzbändeln“ – das bedeutete für den Käufer „freien Tanz“ für die ganze Veranstaltung – oder die Tellersammlungen nach den einzelnen „Runden“ oft nicht allzu ergiebig gewesen sein; so erbrachte zum Beispiel der Maientanz 1934 für die Kasse eine Einnahme von gerade 11,60 RM! Hochzeiten konnten in dieser Zeit auch einmal 40 Mark einbringen. Dagegen schloss das „Konzertspielen“ an Weihnachten 1934 mit einem Reingewinn von 2 Mark ab. Immerhin ist damit belegt, dass der „alte Musikverein“ auch schon Konzerte gegeben hat. Der Besuch von auswärtigen Festen, wenn auch in bescheidenem Umfang, gehörte ebenso zum Vereinsleben wie das Blasen vom Kirchturm in der Neujahrsnacht oder auch ein Platzkonzert auf dem Marktplatz. Daran, dass der Musikverein damals auch in der Kirche gespielt hätte, kann sich niemand erinnern; das Verhältnis zur Kirche, wie auch zur Schule und zur Gemeindeverwaltung war wechselseitig nicht besonders eng und herzlich. Neben den finanziellen begleiteten den Verein stets auch personelle und persönliche Schwierigkeiten: Um die oft recht hitzigen Musiker im Zaum zu halten, musste der 20 Jahre ältere Georg Frank (*1883 – †1940) besondere Vorstandsaufgaben übernehmen. Oft war man auf Aushilfen angewiesen, vorwiegend aus Obernau. Auf Karl Bengel folgte Ludwig Kessler aus Wurmlingen als Dirigent; mit ihm wurden weitere Wertungsspiele in Kuppingen (?) und Wurmlingen bestritten. Schließlich betreute noch Klemens Fischer aus Obernau als Dirigent und Trompeter die Nellingsheimer Musiker, bis im Jahr 1937 die Vereinstätigkeit allmählich zum Erliegen kam. Der Weltkrieg setzte dann auch hier wie überall eine Zäsur.

Im großen Ganzen hatte der Musikverein der 1920er- und 1930er-Jahre folgende Besetzung aufzuweisen: 1. Trompete: Christian Frank (*1901 – †1951); 2. Trompete: Christian Bühler (*1900 – †1940); Tenorhorn und Bariton: Julius Frank (*1905 – †1985), Richard Mußbach (*1904 – †1972); Es-Horn: Gottlob Schäfer (*1901 – †1944); Tuba: Wilhelm Frank (*1896 – †1986); Klarinette: Rudolf Steck (*1905 – †1985); Trommel: Johann Bühler (*1905 – †1971). Außerdem waren für kürzere Zeit Eugen Bökle (*1904 – †1945) und Karl Schuh (*1907 – †1958) aktive Musiker.

II. Vom Neubeginn 1947 bis in die Mitte der 1950er-Jahre

Dieser Teil der Vereinsgeschichte entspricht in vielem der Zeit von 1922 bis 1937 und kann deshalb als eigener Abschnitt behandelt werden.

Wieder war es die Familie Frank, die den Anstoß zur (Neu-) Gründung gab und – nun in der nächsten Generation – einen Großteil der Aktiven stellte. Wieder waren Tanzveranstaltungen und Hochzeiten die hauptsächlichen Betätigungsfelder des Vereins, daneben noch das Musizieren zur Freude der Dorfbewohner am 1. Mai, am Heiligabend, in der Neujahrsnacht und bei der Hopfenernte. Wieder (oder immer noch) waren die finanziellen Möglichkeiten sehr begrenzt; wieder mussten die Aktiven eine „Einlage“ zur Beschaffung neuer und zur Reparatur der alten Instrumente erbringen. Man war schon froh, wenn man als einheitliche Kleidung Hemden (1950) und Mützen (1952) kaufen konnte, und auch darüber, dass fleißige Frauenhände alte schwarze Anzugswesten mit rotem Stoff überzogen. Auch die 1951 bis 1954 veranstalteten Unterhaltungsabende mit Theateraufführungen brachten der Kasse nicht den großen Aufschwung. Immerhin wiesen die beiden Gartenfeste von 1951 (auf der Beilharzschen Wiese) und 1952 (bei der Linde) in eine neue Richtung. Es gab noch manchen Wechsel, manche Veränderung, eine ruhige und stetige Aufwärtsentwicklung konnte sich erst später einstellen: Am Dirigentenpult wechselten sich die Brüder Eugen und Joseph Hahn aus Rottenburg mit Christian Beilharz ab. Zu den Proben zog man von Keller und Scheuer über Schreinerwerkstatt und Nonnenmauer in den Adler um. Die Vorstandsgeschäfte besorgten nacheinander Walter Frank, Richard Deuter und Paul Haigis. Die Zahl der aktiven Musiker blieb in dieser Zeit stets unter 15. Von Anfang an, ab 1947, waren dabei: Ernst, Kurt, Werner und Willi Frank, Christian und Walter Frank, Kurt Bühler, Wilhelm Hengstler und Gerhard Mayer; bald kam Jakob Malyniak hinzu. Zwischen 1950 und 1955 traten Fritz und Helmut Beilharz, Richard Deuter, Erwin, Hermann und Willi Kannwischer sowie Helmut Spengler dem Verein bei. Dem Volksmusikerbund schloss man sich 1952 an.

III. Zweite Hälfte der 1950er- bis Anfang der 1960er-Jahre

Dieser Zeitabschnitt brachte für den Verein in vielerlei Hinsicht einen entscheidenden Aufstieg und damit auch die Grundlegung für die Weiterentwicklung in den beiden nachfolgenden Jahrzehnten.

An erster Stelle ist hier zu erwähnen, dass es dem Verein glückte, mit Heinrich Ruf aus Weiler einen Dirigenten für sich zu gewinnen, der bereit und fähig war, über Jahre hinweg eine qualifizierte und zielstrebige musikalische Arbeit mit den Musikern zu leisten. So wurde es möglich, alljährlich ein Konzertprogramm zu erarbeiten, wiederholt mit Erfolg am Wertungsspiel teilzunehmen (1958 Weitingen, 1959 Hirrlingen, 1960 Gomaringen und Wolfenhausen) und schließlich sogar eine Folge der SDR-Sendereihe „mit Volksmusik ins Land hinaus“ zu bestreiten (Sendung am 3. Februar 1962). Außerdem entwickelte sich der MV Nellingsheim zu einer weithin bekannten und beliebten Tanz- und Unterhaltungskapelle.

An zweiter Stelle steht die Mitgliederzahl: Die Aktiven erreichten die Zahl 20, und seit Weihnachten 1957 gibt es passive Mitglieder in größerer Zahl, was gleichzeitig eine zunehmend engere Einbindung des Vereins in die Bevölkerung bedeutete. Weiterhin kann man feststellen, dass die Vereinsführung durch mehrere Jahre hindurch konstant blieb: Paul Haigis als Vorstand, Herrmann Eppler als Kassier, Wilhelm Hengstler als Schriftführer, der Ausschuss mit den Aktiven Jakob Malyniak und Fritz Beilharz, sowie den Passiven Rudolf Steck und Richard Mußbach.

Schließlich gelang es in dieser Phase der Vereinsgeschichte, den Verein finanziell auf sichere Beine zu stellen: Nach dem dreifachen Versuch mit einer Sichelhenke (1957 bis 1959) zapfte man 1958 mit dem ersten Tälesfest im Rommelstal eine offensichtlich nie versiegende Geldquelle an. So wurde ermöglicht, neben den notwendigen Aufwendungen für Instrumente und Noten einheitliche Uniformen anzuschaffen und 1959 einen mehrtägigen Ausflug nach Südtirol zu unternehmen.

In diese Zeit fällt auch der Umzug in den Hirsch, wo dem Verein für über 15 Jahre von der Familie Eppler eine „Probenheimat“ geboten wurde.

IV. Vom Anfang der 1960er- bis gegen Ende der 1980er-Jahre.

Diese gut 25 Jahre der Vereinsgeschichte waren dadurch gekennzeichnet, dass der erreichte Stand gefestigt und weiter ausgebaut werden konnte. Unter der musikalischen Führung von Heinrich Ruf wurde weiterhin fast jedes Jahr ein Konzert mit zunehmend anspruchsvollerem Programm gestaltet, anfangs noch im Adler, seit 1974 in der Remmingsheimer Turnhalle, seit 1967 fast nur noch in Zusammenarbeit mit dem gemischten Chor. Das seither rundum positive Verhältnis der beiden Vereine zueinander zeigt an, dass der Musikverein sich immer stärker mit der gesamten Bevölkerung verbunden fühlen konnte. Auch die Beziehungen zur kirchlichen und bürgerlichen Gemeinde haben sich in dieser Zeit gewandelt: Aus den Gottesdiensten von Konfirmationen, Volkstrauertag, Heiligabend und Silvester ist der Musikverein nicht mehr wegzudenken – auch nicht vom alle 5 Jahre in Nellingsheim stattfindenden Stäblesmissionsfest. Bei Veranstaltungen der Gesamtgemeinde, wie Einweihungen, Jubiläumsfeiern, Dorffesten, wurde immer wieder die musikalische Gestaltung übernommen. Die enge Verbindung zur ganzen Bevölkerung hat auch die reibungslose Durchführung der Jubiläumsfeste 1962, 1972 und 1982, sowie des Kreismusikfestes 1967 möglich gemacht.

Gefestigt haben sich auch die Beziehungen zu anderen Gruppen, vorab zum DRK und zu den Nachbarvereinen Wolfenhausen und Obernau. Einen breiten Raum nahm und nimmt natürlich der Besuch von Festen befreundeter Vereine ein; in manchen Jahren wurden mehr als zehn auswärtige Festbesuche absolviert. Das optische Erscheinungsbild des Vereins konnte durch Neuanschaffungen verbessert werden: Westen, ländliche Tracht – speziell für den alljährlichen Fasnetsumzug in Rottenburg – und neue Uniformen.

Schließlich sei noch der wichtigste Punkt der Entwicklung in dieser Zeit angesprochen: Die Zahl der aktiven Musiker pendelte sich zunächst bei etwa 20 ein, stieg dann über 28 im Jahr 1973 bis auf die Rekordmarke von 43 im Jahr 1978. Dieser Anstieg ist im wesentlichen der erfolgreichen Nachwuchsarbeit zuzuschreiben: zunächst war es Ernst Frank, der sich ab 1966 mit unermüdlichem Einsatz um seine Jung-Musiker-Gruppe bemühte, so dass am Ende 12 aktive Musiker in den Gesamtverein eingegliedert werden konnten. Von zahlenmäßig noch größerem Erfolg (19!) war die intensive Nachwuchsschulung gekrönt, die ab 1975 von Fritz Beilharz geleistet wurde; seine Gruppe konnte sogar 1976 und 1978 als Jugendkapelle zum Wertungsspiel antreten und in Pliezhausen, Trochtelfingen und Weitingen schöne Erfolge erzielen.

Aus den beiden folgenden Nachwuchsgruppen der 1980er Jahre konnten jeweils neun aktive Mitglieder für den Gesamtverein gewonnen werden.

Gewissermaßen als Belohnung für alle Mühen hat sich ein zweijähriger Turnus von Ausflügen eingespielt, der die Musikerfamilie ins Silvrettagebiet, in die Zentralschweiz, nach München, Reit im Winkel und Kufstein, in den Bayrischen Wald und in die Vogesen, an die Mosel und ins Hohenloher Land geführt hat.

Die Vereinsführung hatte in jener Zeit folgende Besetzung: Die Aufgaben des 1. Vorsitzenden gingen von Paul Haigis auf Fritz Wolber und Ernst Frank, schließlich 1977 auf Willi Kannwischer über. Im Amt des 2. Vorsitzenden wurde Ernst Frank von Berthold Kienzle abgelöst. Als Schriftführer folgten aufeinander Helmut Beilharz, Joachim Siebecke und Walter Werner. Die Kasse blieb nach wie vor in den Händen von Hermann Eppler. Dem Ausschuss gehörten jahrzehntelang Fritz Beilharz und Jakob Malyniak an; letzterer gab sein Amt an Günter Müller weiter. Vertreter der Passiven im Ausschuss war lange Zeit Karl Mayer.

V. Ende der 1980er-Jahre bis 2012

Um die Mitte der1980er-Jahre zeichnete sich ab, dass die Dirigententätigkeit von Heinrich Ruf nicht mehr allzu lange Bestand haben werde; aber letztlich waren es gesundheitliche Gründe, die ihn dazu bewogen, sein Nellingsheimer Engagement in den Sommerferien 1988 abrupt zu beenden. Über jeden Zweifel erhaben bleiben die Verdienste, die sich Heinrich Ruf um die musikalische Formung des Musikvereins erworben hat, so dass es geboten erscheint, in der Vereinsgeschichte von einer drei Jahrzehnte dauernden Dirigenten-Ära „Ruf“ zu sprechen. Wie meistens in solchen Notsituationen gab es zwei Möglichkeiten, entweder sich um einen auswärtigen Dirigenten zu bemühen, oder einem Musiker aus den eigenen Reihen die Leitungsaufgabe zu übertragen. Die rasch gefällte Entscheidung für Andreas Beilharz, der damals 19 Jahre alt war und immerhin über einige Jahre Erfahrung mit der Leitung der Jugendkapelle verfügte, mochte als riskant erscheinen, doch zeigte sich bald, dass diese Wahl geradezu ein Glücksgriff war, der aus heutiger Sicht das viel genannte Qualitätsmerkmal der Nachhaltigkeit zugesprochen werden kann. Der junge Dirigent machte sich mit großem Elan und dem berechtigten Vertrauen auf die eigenen musikalischen Fähigkeiten an die große Aufgabe, indem er innerhalb kürzester Zeit die drei C-Kurse des Blasmusikverbandes und nach wenigen Jahren den anspruchsvollen B-Kurs erfolgreich absolvierte.

Durch die bewährte Tradition der vorhergehenden Jahre war auch für die nun folgenden Jahrzehnte eine im jeweiligen Jahresablauf feste Struktur vorgegeben: Generalversammlung, Fastnacht, Frühjahrskonzert, Maianfang, Tälesfest, auswärtige Festbesuche, ggf. eigenes Jubiläumsfest, Sommerpause, Mitwirkung bei kirchlichen Anlässen: Konfirmation, Volkstrauertag, Heiligabend, Silvester; dazu noch die Weihnachts- bzw. Jahresabschlussfeier.

Innerhalb dieses Rahmens wurden größere und kleinere Veränderungen eingeführt.

An erster Stelle ist hier die Neuorganisation und Durchführung der Jugendausbildung zu nennen, wobei jedoch die vorherige engagierte Arbeit von Ernst Frank und Fritz Beilharz nicht geschmälert werden darf. Das seit Anfang der 1990er-Jahre vorliegende Infoblatt enthält alle maßgeblichen Grundsätze: 1. Ausbildung am Instrument durch Fachlehrer, gegebenenfalls Lehrer der Musikschulen, in Einzel- oder Kleingruppenunterricht. 2. Das Ensemblespiel spielt daneben eine wichtige Rolle: Meistens wird zusammen mit dem MV Obernau eine Jugendkapelle gebildet, die bei Konzerten mitwirkt und in der Adventszeit einen Vorspielnachmittag gestaltet. 3. Ein wichtiges Ziel ist die D1-Qualifikation zum Eintritt in die Aktivenkapelle, in vielen Fällen auch zur D2-Qualifikation erweitert. 4. Einbeziehung der Eltern, insbesondere durch die Leistungen für den Großteil der Unterrichtskosten. Für die Durchführung der Jugendausbildung wird seit einiger Zeit eine Jugendleiterin gewählt, bisher Christine Kienzle, Simone Meinert, Sandra und Stefanie Frank, ab 2012 Maren Schäfer.

Durch diese intensivierte Instrumentalausbildung werden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der Verein sich den gesteigerten Anforderungen der musikalischen Aufgaben vollauf gewachsen zeigt. Auch im Instrumentenbereich wurden Verbesserungen und Erweiterungen erreicht: Nachdem schon früher die traditionelle Besetzung bestehend aus Blechblasinstrumenten, Klarinetten und einfachem Schlagzeug um die Saxophone ergänzt worden waren, wurden in den 1990er-Jahren einheitliche Klarinetten und ein kombiniertes Schlagzeug beschafft, dazu hin neu das Querflötenregister mit vier bis fünf Spielerinnen eingerichtet. Glockenspiel und Kesselpauken sind die neueste Errungenschaft.

Eine weitere Neuerung ist das alljährlich vor dem Frühjahrskonzert durchgeführte Probenwochenende, beginnend 1990 mit Indelhausen, danach Todtmoos, Münsingen und Villingen, seit 1997 wegen der vielfältigeren räumlichen Möglichkeiten meistens im heimatlichen Bürgerhaus. Von Freitagnachmittag bis Sonntag wird die zielgerichtete Probenarbeit der Wintermonate, vornehmlich durch die von auswärtigen Fachleuten geleiteten intensiven Registerproben und die abschließende Gesamtprobe, auf das anstehende Konzert hin optimiert, wobei – besonders bei den auswärtigen Wochenenden – die Geselligkeit nicht zu kurz kommt.

Als unbestrittener musikalischer Höhepunkt des Vereinsjahres erweist sich regelmäßig das Frühjahrskonzert, seit zehn Jahren in der Remmingsheimer Stäbleshalle, abwechselnd gemeinsam mit dem Gemischten Chor gestaltet. Hier können von Jahr zu Jahr die Fortschritte der musikalischen Arbeit unter der souveränen Leitung von Andreas Beilharz erlebt werden, trotz der nicht unerheblichen Fluktuation der Musizierenden. Abgesehen von der zunehmenden Präzision und Intonationssicherheit, ist vor allem die gesteigerte Schwierigkeit der aufgeführten Stücke wahrzunehmen: „Slavia“ und „Bohemian Rhapsody“, beide Schwierigkeitsstufe 4, wären in früheren Jahren wohl kaum machbar gewesen, wobei es nicht das Ziel sein kann, sich mit den Oberstufenkapellen zu messen. Eine besondere Bereicherung neben der bewährten Ansage von Mareen Vögele – früher Veronika Frank und Martina Werner – stellen die von den einzelnen Gruppen ausgewählten Bilder dar, die als Begleitung und Illustration der Musikstücke – bearbeitet von Jürgen Siebecke – auf die Bühnenleinwand projiziert werden.

Ein in jeder Hinsicht besonderes Ereignis war das Benefizkonzert am 30. Oktober 2010, das in schmerzlicher Erinnerung an den verstorbenen Musikkameraden Heinrich Schäfer zur Unterstützung der Aktion KIKE (Kinder krebskranker Eltern) als Wunschkonzert durchgeführt wurde.

Im kirchlichen Bereich ergab sich in Verbindung mit der „neuen“ Orgel neben den genannten Anlässen eine weitere Möglichkeit zu musikalischer Betätigung: Die Gestaltung abendlicher Gottesdienste als Kirchenkonzert, vorwiegend in kleineren Bläsergruppen. Weiterhin ist die Mitwirkung beim Gemeindenachmittag am 1. Advent, beim Krippenspiel im Dorf, beim Gottesdienst im Grünen und der Bibelwoche zur Tradition geworden.

Die Teilnahme am Wertungsspiel, so in Gültstein 1991, Bodelshausen 1994 und Weitingen 1998, ist seither nicht mehr wahrgenommen worden.

Eine herausragende Bedeutung hatten die im fünfjährigen Turnus durchgeführten Jubiläumsfeste vom 70. anno 1992 bis zum 85. im Jahr 2007. Diese Festtage wurden jeweils im bewährten Festablauf gefeiert: Vom eher die jüngere Generation ansprechenden Freitagabend mit Band oder DJ, über die beiden der Blasmusik vorbehaltenen Abende am Samstag und Sonntag, als Festbankett oder Gastauftritt einer renommierten Kapelle, am Sonntag Totenehrung, Gottesdienst, Frühschoppenkonzert, Mittagessen, Festzug mit gut einem Dutzend befreundeter Musikkapellen und einem halben Dutzend anderer Neustettener Vereine, über den Kinder- und Seniorennachmittag bis zum Festausklang am Montagabend. So ist es kaum möglich, eines dieser Feste besonders hervorzuheben; beherrschend bleibt die Erinnerung an umfangreiche Vorbereitung, arbeitsintensive Tage und meist an ein gelungenes, finanziell möglichst ergiebiges Fest. Ähnliches gilt für das alljährliche, 2007 zum 50. Mal begangene Tälesfest am Himmelfahrtstag.

In musikalischer Hinsicht weit ergiebiger sind die Gastauftritte bei befreundeten Vereinen und deren Festen, die aus der unerschöpflichen, fast 100 Nummern enthaltenden Festmappe bestritten werden und stets volle Anerkennung erfahren. Solche Gastspiele haben den Verein auch schon nach Bobritzsch, München und Gernsheim geführt.

Ansonsten gibt es in Neustetten kaum einen festlichen Anlass, der nicht vom Verein musikalisch umrahmt und aufgewertet wird. Die Palette reicht von Jubiläen anderer Vereine, Einweihungen, Bürgermeisterwahlen, Betriebsfeiern über die Auftritte beim alljährlichen Wengert-, Backküchen-, Zwiebelberda- und Spätzlesfest, bis zum großen 900-Jahre-Jubiläum der Neustettener Teilorte im September 2011, wobei Nellingsheim ohne einen Fremdverein durch die eigene Musikkapelle mit vorzüglicher Unterhaltungsmusik versorgt wurde.

Schließlich stehen noch die unvermeidlichen Fasnetsgastspiele im Kalender: In Obernau, Seebronn und Rottenburg, seit 1995 im pfiffigen, von Doris Knauss entworfenen „Fleiner-Fasnetshäs“.

Im geselligen Bereich haben die Ausflüge in letzter Zeit an Zuspruch und Bedeutung verloren, zumal die mehrtägigen Touren der 1990er-Jahre nach Österreich, München und Prag kaum zu überbieten sind. An Beliebtheit haben kleinere, eher spontane Aktionen gewonnen, wie Wanderungen, Radtouren, Besuch im Mostbesen und besonders der Neujahrsempfang nach der Winterpause.

Von 1988 bis 2012 gab es um die 100 eher personenbezogene Anlässe, teils fröhlich-freudiger, teils traurig-schmerzlicher Art, die der Verein zum Anlass nahm, mit seiner Musik Freude und Anerkennung oder Trauer und Ehrerbietung zum Ausdruck zu bringen. Da sind einerseits zehn Hochzeiten von Vereinsmitgliedern und über 60 Ständchen – hier kann auch das zur Tradition gewordene Spielen im Remmingsheimer Pflegeheim erwähnt werden –, andererseits 30 Trauerfeiern, davon die Hälfte für ehemals aktive Vereinsmitglieder: Christian Frank, Wilhelm Hengstler, Jakob Malyniak, Fritz Wolber, Christian Beilharz, Heinrich Ruf, Werner Frank, Alfred Maier, Christian Frank, Hermann Eppler, Paul Haigis, Willi Frank, Wolfgang Siebecke, Heinrich Schäfer, Reinhold Schneider und Ernst Frank. In neuerer Zeit erklingt dabei öfters William Henry Monks „Eventide“, bekannt vor allem als die im englischsprachigen Raum populärste Vertonung des Chorals „Abide with me“ (Deutsch: Bleib bei mir, Herr!).

Von 1988 bis 2012 haben sich neben dem Dirigenten die nachfolgend genannten Vereinsangehörigen um die Vereinsführung verdient gemacht, wobei „Dienstzeiten“, die über einige Wahlperioden hinweg reichten, für die Kontinuität des Vereinslebens von Bedeutung waren. Hier sind zunächst als langjährige Erste Vorsitzende Walter Werner, zuvor Schriftführer, mit 12 und Dieter Hähnle, zuvor 9 Jahre Zweiter Vorsitzender, mit bisher 6 Jahren zu nennen. Dazwischen gab es zwei kürzere Phasen mit Heinrich Schäfer und Heinrich Beilharz; letzterer war dazu hin mit 15 Kassierjahren und bisher 6 Jahren als „zweiter Mann“ ununterbrochen seit 1988 in der Vorstandschaft tätig. Ramona Frank ist nach 3 Jahren als Zweite Vorsitzende seit 6 Jahren für die Kasse zuständig, wie Veronika Frank von 1994 bis 1997. Als Schriftführerinnen waren für 9 bzw. 10 Jahre Ute Malyniak und Sabrina Kienzle, anfangs zusammen mit Martina Werner, im Amt. Die Funktion als Ausschussbeisitzer erfüllten jeweils für mehrere Jahre Günter Müller, Martin Schäfer, Helmut Malyniak, Andreas Werner, Benjamin Lutz, Jürgen Siebecke und Peter Knauss; als Vertreter der passiven Mitglieder über 15 Jahre lang Andreas Mayer, kurzzeitig Bruno Schuh, und nun seit 6 Jahren Manfred Hähnle.

Für den musikalischen Bestand und eine ausreichende Besetzung des Vereins über die Jahre und Jahrzehnte hinweg war und ist es unabdingbar, dass Musikerinnen und Musiker in größerer Anzahl zehn und mehr Jahre lang aktiv und engagiert einen guten Teil ihrer Freizeit dem Musizieren in der Gemeinschaft des Vereins widmen.

Es sind dies im einzelnen:

Zur Zeit aktiv:

Über 40 Jahre: Walter Werner

30 bis 40 Jahre: Andreas Beilharz, Heinrich Beilharz, Siegfried Beilharz, Dieter Hähnle, Armin Siebecke, Dieter Werner

20 bis 30 Jahre: Ramona Frank, Peter Knauss, Andreas Werner

10 bis 20 Jahre: Armin Frank, Sabrina Frank, Sandra Frank, Stefanie Frank, Johannes Lutz, Bernd Müller, Maren Schäfer, Kerstin Schneider, Isabel Siebecke, Jürgen Siebecke, Lara Siebecke, Frederic Starosta, Melanie Steck, Mareen Vögele, Carmen Werner

Nicht mehr aktiv:

Über 50 Jahre: Fritz Beilharz

40 bis 50 Jahre: Helmut Beilharz, Hermann Eppler †, Ernst Frank †, Erwin Kannwischer, Willi Kannwischer, Berthold Kienzle, Jakob Malyniak †

30 bis 40 Jahre: Kurt Frank, Werner Frank †, Willi Frank †, Erich Malyniak, Helmut Malyniak, Günter Müller, Heinrich Ruf †, Heinrich Schäfer †, Wolfgang Siebecke †

20 bis 30 Jahre: Beate Frey, Christine Kienzle, Ute Malyniak, Günter Mayer, Martin Schäfer, Reinhold Schneider †, Manfred Schrade

10 bis 20 Jahre: Julie Beilharz-Hebe, Sigrid Döttling, Alexander Eppler, Matthias Eppler, Christian Frank †, Jennifer Frank, Michael Frank, Veronika Frank, Wilhelm Hengstler †, Markus Kannwischer, Rainer Kannwischer †, Regine Katz, Benjamin Lutz, Sandra Lutz, Alfred Maier †, Dominik Malyniak, Andreas Mayer, Gerhard Mayer †, Daniel Meinert, Simone Meinert, Heike Müller, Birgit Schäfer, Angela Siebecke, Bastian Siebecke, Heiko Siebecke, Hardy Siebecke, Joachim Siebecke, Erika Vetter, Julia Vetter, Harald Werner, Martina Werner, Thomas Werner, Heike Zober

Mit einem in jeder Hinsicht gelungenen und beeindruckenden Konzert hat der Musikverein am 10. März 2012 sein Jubiläumsjahr zum 90-Jährigen Bestehen eröffnet und beste Werbung für das Festwochenende vom 20. bis 23. Juli 2012 gemacht. Besonders die Konzertbesucher, denen mehr an der leichteren, aber doch qualitätsvollen Unterhaltungsmusik gelegen ist, dürften animiert sein, sich den Festabend am 21. Juli im Festzelt in Nellingsheim nicht entgehen zu lassen. Sicher werden dann die kürzeren Stücke, wie der Marsch „Abel Tasman“, die fetzige „Pyramide“, die dann jahreszeitlich passenden „Sommerferien“ und die Schluss-Polka „Musik macht Freu(n)de“ in ähnlicher Musizierfreude wieder zu hören sein. Die beiden eher der klassischen Musik verwandten, in ruhigem Tempo mit runder Klangfülle vorgetragenen Stücke „Amen“ und „Noc a Samota“ bewirkten im Konzert zusammen mit den drei Filmmusik-Bearbeitungen „Benjamin Button“, „Die glorreichen Sieben“ und „Aladdin“ einen abwechslungsreichen Übergang zu den drei größeren, der sinfonischen Blasmusik zuzurechnenden anspruchsvollen Werken „Zeitenwende“, „Slavia“ und „Bohemian Rhapsody“, die als Spitzenleistungen des Nellingsheimer Musikvereins zu bewerten sind. Hier konnte das Ensemble unter Andreas Beilharz seine Qualitäten unter Beweis stellen: Disziplinierte rhythmische und technische Sicherheit, sowie ein ausgewogener und fülliger, eher verhalten als grob wirkender Klang. Dies sollte auch für zukünftige Konzerte unbedingtes Ziel sein.

 

Hans Bachteler